Wenn Christoph Birrer mit seiner Hündin Lovis an den Parkplätzen vis-à-vis dem Stadtpark vorbeigeht, ist die Erinnerung an 2004 da, als genau an diesem Ort noch das verlassene Haus, früher Restaurant «Biergarten» und «Grätzer», stand. Jahrelang war das heruntergekommene Haus leergestanden, als es der damals 22-Jährige aus Olten und etwa 15 Junge aus der Punkszene eine Woche lang besetzten. In dieser Zeit kamen bis 50 Leute, auch Auswärtige aus Zürich und Basel, in das Haus und feierten Partys und Konzerte mit viel Bier und Drogen.

 

«Freiraum für alle» stand auf dem weissen Leintuch, das aus dem Fenster hing und im Wind flatterte. «Da wir Junge zu dieser Zeit kein eigenes Lokal hatten, wollten wir uns dafür einsetzen», erinnert sich der 34-Jährige mit einem hellblau gefärbten, ausgewachsenen Irokesenschnitt. Dafür gründeten sie extra den Verein «APA – Aktion Platz für alle». Die Erfolgschancen der Besetzung waren aber auch so gering. Eine Woche später verlässt die Gruppe nach Aufforderung der Stadt freiwillig das Haus, das kurz darauf abgerissen wird.

Birrer zieht an seiner Zigarette und nickt resigniert, lächelt aber sanft. So wie man über Sachen lächeln kann, die der Vergangenheit angehören. Währenddessen pinkelt Lovis, die als Welpe die ganze Besetzung miterlebt hat, beim Parkplatz ins Gras. Sie sind also beide plus/minus darüber hinweg. Und der Verein blieb auch bestehen. Heute organisiert Birrer im Namen desselben Vereins Streetsoccer-Turniere für Randständige und sozial benachteiligte Menschen.

Dieses Jahr wurde das Turnier mit 20 gemischten Teams, bestehend aus Menschen aus ganz unterschiedlichen Schichten und unterschiedlicher Herkunft, zum siebten Mal durchgeführt. Pedro Lenz moderierte das Spiel. Das Projekt wurde nun für den kantonalen Sozialpreis nominiert. 20'000 Franken gibt es zu gewinnen. «Damit würden wir eine eigene Streetsoccer-Arena kaufen und wären nicht mehr von der ‹Surprise› abhängig, die sie uns jedes Jahr ausleiht», sagt Birrer auf dem Weg zum Bahnhof.

In der grossen Bahnhofunterführung, Richtung Treffpunkt, zeigt Birrer auf die orangefarbene SOS-Säule. Genau dort verkaufte er nach 2004 das «Surprise»-Magazin. Lovis lag dann auf einer Decke brav neben ihn. Damals sorgte Birrer für sie und für sich selbst mit dem Zeitschriftenverkauf und dem «Mischle», wie er es nennt. Betteln bei Passanten. Sozialhilfe wollte der damals 20-jährige Stadtpunk zu jener Zeit keine beziehen. Er wollte auf der Strasse leben. «Frei sein», wie er sagt.

Als Taglöhner in die Arbeitswelt

Wie kam es überhaupt zu dieser Entscheidung? Gleich nach der Malerlehre übernimmt der 20-Jährige eine Wohnung, ohne sich bewusst zu sein, welche Verantwortung er dafür aufbringen muss. «Ich dachte, ich könnte bis um vier Uhr morgens mit meinen Freunden Home-Partys schmeissen, zwei Stunden schlafen und dann um sechs im Malergeschäft sein.» Auf Dauer klappte das nicht.

Durchschnittlich drei Mal in der Woche kam Birrer zu spät zur Arbeit. Und bald kam die fristlose Kündigung. «Ich fing dann an, richtig gegen das System allgemein zu rebellieren.» Er hatte Freunde, die das bereits machten. «Sie zeigten mir, wie man anders leben kann, frei von allen Verpflichtungen.»

So zahlte Birrer keine Rechnungen mehr und lebte auf der Strasse in den Tag hinein. Beim Bahnhof mit Freunden. Philosophierte, fluchte, trank viel Prix-Garantie-Bier. Dazu kiffte er und nahm ab und zu mal Pilze. «Harte Drogen habe ich aber nie genommen.» Ob es ihn nie gereizt hat? «Nein», sagt er bestimmt. In seinem früheren Umfeld seien zu viele an einer Überdosis gestorben, die er gekannt habe. «Das fährt dann ein.»

Stets betrunken und high zu sein, machte sich aber auch am jungen Körper bemerkbar. «Es ist nichts Schönes, wenn du morgens Blut spuckst.» Und mit der Zeit war es auch nicht mehr erfüllend, abends nur vom Bier müde zu sein. Zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort drückte ihm ein Sozialarbeiter einen Flyer der Suchthilfe Olten in die Hand.

Wir gehen den Ländiweg entlang. Verschiedene Grüppchen hängen dort rum. Birrer grüsst niemanden wirklich, obwohl er dort einige Menschen aus der alternativen Szene kennt. Lovis folgt ihrem Herrchen, ohne anzuhalten. Ob er noch viel Kontakt zu Leuten aus seiner früheren Szene hat? «Ja», zögert Birrer. «Zu einigen wenigen. Wenn ich sie antreffe, quatschen wir ein bisschen zusammen. Aber mehr nicht.»

Mehr Kontakt suche und wolle er auch nicht. «Es ist besser so», sagt er und zündet sich etwa die vierte Zigarette an. «Ich habe mir mittlerweile ein bisschen was aufgebaut», sagt er und nimmt einen Zug. Das sei ihm sehr wichtig und daran halte er fest. Der Wind in der Abenddämmerung trägt die Asche der Zigarette unauffällig weg. «Auch den Alkohol habe ich heute einigermassen im Griff», so Birrer. Sein Gesicht ist rot, schon die ganze Zeit. Erst nach Feierabend gönne er sich drei bis vier Bier.

Bei der Schützi angekommen, hält Birrer an. «Das ist der Ort, der mir am meisten bedeutet.» Hier habe er es zurück in die Arbeitswelt geschafft, konnte neu anfangen. Durch die Suchthilfe, die er durch den Flyer aufsuchte, durfte er als Taglöhner ein bisschen überall arbeiten. Auch in der Schützi. Dort fiel er dem Leiter Oli Krieg auf, der ihm eine regelmässige Beschäftigung anbot. «Dafür bin ich ihm immer noch sehr dankbar», so Birrer, der ohne Problem die ganze Nacht durcharbeiten kann und gemäss einem anderen Schützi-Mitarbeiter ein richtiger «Chrampfer» ist.

Nebenbei arbeitet Birrer heute wieder als Maler, veranstaltet unter dem Label «Lovis Connection» Punkkonzerte und versucht, seine Schulden abzuzahlen. «Das braucht jetzt halt Zeit, aber das schaffe ich schon.»

Und er glaubt, dass es auch viele andere schaffen könnten, die jetzt noch das Leben führen, das Birrer früher lebte. Geholfen habe ihm Sport, auf den er über die Suchthilfe gekommen ist. «Man merkt, dass es einem einfach besser geht, wenn man nicht den ganzen Tag nur rumhängt», sagt er aus eigener Erfahrung. «Dann trinkt man automatisch ein Bier weniger.»

Durch die Begegnungen an den Fussballturnieren hat man zudem Kontakt zu Leuten aus anderen Schichten, die ihr Leben im Griff haben. «Das motiviert auch.» Um Randständige von der Strasse aber überhaupt zu einem solchen Turnier zu motivieren, brauche es einen festen Anhaltspunkt, wie zum Beispiel eine konkrete Streetsoccer-Arena.

In der Schützi hat es sich Lovis unter einem Tisch bequem gemacht. Birrer zündet sich die nächste Zigi an. Die Asche aber landet hier im Aschenbecher.

quelle: OT

 

 

 

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